Ramonat-Sieg im Havelland

Mit Riesenvorsprung gewinnen Raphael Ramonat und Heinke Möhrpahl das Schotter-Finale beim Berliner Havellandpokal.
Für den 42. ADAC/PRS-Havellandpokal, der als Endlauf des DMSB-Rallye-Pokals gewertet wird und den Schotter-Cup und die ADMV-Meisterschaften abschließt, haben sich 84 Teams angemeldet, 77 starten am Samstagmittag in der Spargelstadt Beelitz bei Berlin.

Als Rallye 200 Plus bietet der Havellandpokal je zwei Durchgänge auf dem Rundkurs Brück, der mit zwei Runden und der zuschauerfreundlichen Ausfahrt durch die Pferderennbahn diesmal 12 km misst, den 7 km langen Sprint um das Dorf Nichel und die 12 km lange Start-Ziel-Prüfung mit der Ortsdurchfahrt Deutsch Bork. Trotz eines Schotter-Anteils von „nur“ 48% erleben die Fahrer „gefühlte“ 75% losen Untergrund, weil der Festbelag fast ausschließlich über Spurplattenwege (teilweise sanierungsbedürftig) und der „Schotter“ an vielen Stellen über Naturboden führt, den die Landwirte eigens für die Rallye herrichten.
Der 33-jährige Thüringer Raphael Ramonat und seine Hamburger Copilotin Heinke Möhrpahl sind ohne Frage das Team des Tages. Mit dem schwarz-grünen Gruppe-H-Evo 7 erzielen sie fünf von sechs Bestzeiten, führen das Feld ab der zweiten Prüfung an und bauen die Führung ständig aus. Nach 63 WP-Kilometern rollen sie mit einem Riesenvorsprung von 2:35 Minuten durch den Zielbogen in Beelitz. Die Reihen der Ramonat-Verfolger lichten sich heftig. Schon in der WP 1 verraucht der Turbo des Subaru-Piloten René Möller, in dessen weiß-blauer Wolke Matthias Koch (Mitsubishi Evo 8) im Zeitlupentempo in einen Graben rutscht. Der Finne Jaakko Keskinen, Havelland-Sieger von 2012, fährt zum Auftakt die Bestzeit, hat schon auf der WP 2 nicht mehr die volle Leistung, rollt durch WP 3 mit schlappem Turbo und lädt den Gruppe-H-Evo 7 in der Halbzeitpause auf den Hänger.

Die Gollert-Sieger Jörg Mittelsdorf und Lara Quast liegen mit dem weißen Ex-Ketomäki-Evo 10 – Michael Ehrles neueste Erwerbung für die Gruppe N – bei Halbzeit mit 47 Sekunden Rückstand auf Rang 2, doch auf WP 4 verabschieden sich die Thüringer spektakulär: Ausgerechnet vor vielen Zuschauern, die mitten in Deutsch Bork eine Rallye-Kirmes feien, reißt ein Pleuel ab, ein Feuer im Motorraum sorgt für Aufregung, es wird jedoch sofort gelöscht. Dadurch rutscht Martin Christ auf Platz 2; der Trabant-Spezialist hat einen Gruppe-N-Evo 9 angemietet und fährt bei seinem ersten Lancer-Einsatz mit viel Herz. Doch nach einem „Feindkontakt“ in der WP 5 stellt er den Mitsubishi vor der letzten Prüfung ab. Wedemark-Sieger Patrick Neidhardt hat vom Start weg im Pulk mit Mittelsdorf und Christ mitgemischt; am Ende können er und seine Copilotin Susanne Oelszner im Nebel ganz auf Sicherheit fahren, ohne den zweiten Platz zu gefährden. Gero Wildgrube und Thomas Keller haben nach drei Jahren Rallye-Pause den Ruokonen-Evo-9 nach Beelitz gebracht, fahren das Siegerauto der Rallye Bad Schmiedeberg (Ketomäki/Munkwitz) auf Gesamtrang 4 und holen den Klassensieg mit den Gruppe-N-Allrad-Turbos.

Großartigen Sport bieten wieder einmal die Top-Teams aus der 2-Liter-Klasse der Gruppe N/F. Der Chemnitzer Mark Muschiol und seine Copilotin Kerstin Munkwitz aus Bad Schmiedeberg lassen den Renault Clio Ragnotti noch einmal richtig fliegen, obwohl sie die Titel im Schotter-Cup und in der ADMV-Rallye-200-Meisterschft schon in der Tasche haben. Sie sind ist vom Start bis ins Ziel der schnellste Nicht-Mitsubishi. Neben dem erwarteten Klassensieg schaffen sie einen unglaublichen dritten Gesamtrang. „Dabei sind wir auf der letzten Prüfung ganz ruhig gefahren, weil der Nebel die Sicht erheblich verschlechtert hat“, kommentiert Kerstin Munkwitz. Bernd Knüpfer jagt seinen alten Astra GSi gnadenlos über die Platten- und Sandpisten und wird mit Dani Herzig auf dem Beifahrersitz Klassenzweiter und Gesamtfünfter – drei Zehntelsekunden vor Rudi und Simone Weileder im BMW 318is. Der Bayer hadert mit dem winzigen Rückstand: „Die drei Zehntel haben wir auf dem ersten Rundkurs verspielt, als der Vordermann keinen Platz gemacht hat. Aber das war eine richtig schwere Veranstaltung“, berichtet Rudi Weileder, der mit der zweitbesten Gesamtzeit auf der letzten Prüfung noch ein Glanzlicht setzt.

Dahinter erreichen die beiden PS-starken Gruppe-H-Hecktriebler das Ziel, wobei der Finne Petrikainen und sein Co Max Menz im Mercedes 190 um 13 Sekunden schneller über die Wege driften als Marc Bach und Patrick Hoßbach im BMW M3. Hinter dem Lancer von Sven Senglaub und Lydia Eschenhorn, die auf der letzten Prüfung drei Plätze einbüßen, gewinnen Björn Leiß und Johannes Wöllert im Mazda 323 die Gruppe G, während Klaus Braun und Mareen Morgenroth im Allrad-Vectra die Klasse 19 überlegen gewinnen. Hier verdient sich der 64-jährige Peter Rudzok im 50 PS schwachen Serien-Trabant 1.1 einen Extra-Applaus, weil er in der Gesamtwertung noch elf Teams hinter sich lässt – bei seinem Abschied vom Rallyesport. In der Gruppe H erkämpfen sich Torsten Brunke und Sophia Strauß (Golf III; 2000 cm³), Norman Dürr und Nicole Petzold (Lada 2105, 1600 cm³), Tassilo Weiß und Sven Uhlrich (Nissan Micra, 1300 cm³) und Benjamin Derda und Michael Knorr (Trabant, 600 cm³) die Klassensiegerpokale. Die Westfalen Werner Löseke und Paul Tenberge stehen nicht nur in der Sonderwertung des Volvo-Cups an der Spitze, sie geben auch in der Gruppe F bis 3000 cm³ den Holsteinern Gerrit Markmann und Sönke Robert (Audi Coupé Quattro) um knappe zwei Sekunden das Nachsehen.

Den Titel im DMSB-Rallye-Pokal holen sich die Holsteiner Günter Vogt und Frederike Sandberg im Fiat Punto aus der Klasse G19. Klassenrang 2 reicht dem baumlangen 55-jährigen Kfz-Elektrikermeister und der 18-jährigen Schülerin wegen der Aufrück-Regel zum Sieg. Mark Muschiol und Kerstin Munkwitz werden punktgleich Zweite im DMSB-Pokal. Bei je fünf Siegen und einem zweiten Platz gibt Vogts dritter Platz auf der Rundstrecke Oschersleben den Ausschlag. Als Dritte klassieren sich die Bayern Manfred Becherer und Johannes Raab, die vom Ammersee in die Mark Brandenburg anreisen und mit dem Clio Williams die Gruppe CTC gewinnen.

Sehr anspruchsvolle lange Wertungsprüfungen, Dunkelheit in der zweiten Hälfte und am Ende immer stärker aufsteigender Nebel aus den Wiesen und Gräben des Nuthe-Nieplitz-Naturparks erfordern viel Können und Kondition. Kleinere Ausritte, ein offener Zaun einer Pferdekoppel (von einem Rallye-Auto „aufgebrochen“), Ölbeseitigung nach Mittelsdorfs Motorschaden und eine Geburtstagsgesellschaft im Innern des Rundkurses sorgen für Lücken im Feld, die dem Havellandpokal eine Verspätung von einer Stunde bescheren. Doch am Ende kann der Veranstalter PRS zufrieden sein: Ein unfallfreier Ablauf, alle 63 WP-Kilometer von kompletten Feld absolviert und – allen Schwierigkeiten zum Trotz – 55 von 77 Teilnehmern im Ziel.

Ergebnis 42. ADAC-Havellandpokal am 8. November 2014:

1. Raphael Ramonat/Heinke Möhrpahl, Mitsubishi Evo 7, H16, 43:57,0
2. Patrick Neidhardt /Susanne Oelszner, Mitsubishi Evo 6, H16, +2:35,5
3. Mark Muschiol/Kerstin Munkwitz, Renault Clio II, N8, +3:14,6
4. Gero Wildgrube/Thomas Keller, Mitsubishi Evo 9, N3A, +4:02,3
5. Bernd Knüpfer/Daniel Herzig, Opel Astra GSi, F8, +4:05,9
6. Rudi Weileder/Simone Weileder, BMW 318is E30, F8, +4:06,2
7. Petri Reinikainen/Max Menz, Mercedes 190, H15, +4:44,2
8. Marc Bach/Patrick Hoßbach, BMW M3 E36, H15, +4:57,9
9. Sven Senglaub/Lydia Eschenhorn, Mitsubishi Evo 6, H16, +5:19,5
10. Björn Leiß/Johannes Wöllert, Mazda 323 GTX, G20, +5:26,2
11. Stephan Dammaschke/Torsten Fischer, Mitsubishi Colt, F9, +5:26,7
12. Werner Löseke/Paul Tenberge, Volvo 940, F3B, +5:43,1

Galerie

Autor: Alfred Gorny, Berlin im Rallye-Magazin

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